Aus Infografik - Leon Spilliaert | Bild: Fabian Kockartz
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„Gehört das auch noch zur Ausstellung?“ „Ja, das sind die letzten beiden Bilder vor dem Ausgang.“ „Kennst du den Maler?“ „Nein.“, antwortete meine Frau. „Nie gehört.“ „Spilärt, Spillert – wie spricht man das richtig aus?“ Spilliaert. Leon Spilliaert.

Manchmal braucht man Mut zur Lücke. Und ich fange direkt mit einer eklatanten Wissenslücke an. Oder sagen wir besser Spalte. Na gut, es ist ein Abgrund. Aber es ist wahr: Vor meinem Besuch im Musée d’Orsay an jenem regnerischen Tag im April 2014 hatte ich in der Tat noch nie von diesem belgischen Maler und Zeichner gehört. Doch plötzlich trat ein Meister in mein Leben, der meine Erfahrung, von dem, wie man Kunst fühlen kann, total veränderte. Und wie trat er in mein Leben? Natürlich durch seine Bilder.

Die Werke von Leon Spilliaert

Schwarz. Hellschwarz. Dunkelbraun. Dunkelgrau. Hellgrau. Ein weißgelblicher Streif durchbricht die Nacht. Darunter die – Straße? Das Meer? Ein Abgrund? Licht zerfließt. Ich bin traurig. Über allem thront ein dunkler Koloss. Schattenhaft. Schemenhaft. Traumgleich unwirklich. Ich habe mich verloren. In einem Bild so tief wie meine Seele selbst. Ich frage Leon: „Was hast du dir dabei gedacht?“ Und lese seine Stimme: Digue la nuit.

Genau dieses Bild war es, das mich vor rund einem Jahr so in seinen Bann zog. Lediglich 47,8 cm x 39,5 cm groß. Auf den ersten Blick recht unscheinbar. Und doch so faszinierend. Aber was genau macht diese Faszination eigentlich aus? Darüber habe ich später natürlich immer und immer wieder nachgedacht. Für mich mit folgendem Ergebnis: Die meisten Werke von Leon Spilliaert weisen eine markante Melancholie auf. Allerdings in einer ganz speziellen Weise. Sie verrücken die Wahrnehmung von Realität.

Wenn ich seine Bilder betrachte, dann kann ich mindestens zwei maßgebliche Dimensionen wahrnehmen: Zum einen eine unmittelbare, materielle, reale Ebene. Zum anderen eine mittelbare, spirituelle, traumgleiche Ebene. Dieser Effekt verstärkt sich auf vielen Bildern noch dadurch, dass man auf Sujets blickt, die vollkommen alltäglich, ja fast profan erscheinen. Meiner Meinung nach schafft es Leon Spilliaert so, jene Ebene sichtbar bzw. fühlbar zu machen, die immerfort da ist, zu der aber nur Künstler Zugang haben. Da er dies aber vollendet feinfühlig und dezent tut, kann man es auch sehr leicht übersehen.

Digue la nuit steht hierbei exemplarisch für mich. Weitere sehr gute Beispiele dafür aus seinem Œuvre sind unter anderen La cheminée, Le couple, Trois personnages und Clair de Lune et lumières.

Das Leben des Künstlers

Leon Spilliaert erblickte am 28. Juli 1881 in der belgischen Hafenstadt Ostende das Licht der Welt. Als einziges Kind der beiden Eheleute Leonhard-Hubert Spilliaert und Leonie Jonckheere, sollte er hier auch die meiste Zeit seines Lebens verbringen. Zwar besuchte der Maler für kurze Zeit eine Kunstakademie in Brügge. Bemerkenswert ist aber, dass er sich so gut wie alles in Sachen Malerei und Zeichnen selbst beibrachte. Spilliaerts Arbeiten, die Symbolismus und Expressionismus so wunderbar verbinden, sind überwiegend elegischer Natur.

Es ist bekannt, dass Leon Spilliaert 1900 im Rahmen der Pariser Weltausstellung in Kontakt mit den Werken von Malern wie Jan Tootop, Giovanni Segantini, Ferdinand Hodler und Gustav Klimt kam. Für die These, dass diese seine Kunst direkt beeinflussten, konnte ich jedoch keine eindeutigen Quellen finden. Ich halte es allerdings für nicht unwahrscheinlich, dass sie dies, wenn nicht unmittelbar, dann doch wenigstens indirekt taten.

Die meisten Werke von Leon Spilliaert besitzen heute die Königlichen Museen der Schönen Künste in Brüssel. Zumindest zwei Arbeiten werden im Musée d’Orsay in Paris ausgestellt. Die Links zu Spilliaerts Bildern in beiden Museen finden Sie nachstehend. Zudem habe ich eine kleine Infografik mit den wichtigsten Informationen zum Maestro erstellt. Sie finden sie darunter. Viel Spaß beim Lesen. Und teilen Sie die Grafik bitte (unter Angabe der Quelle) auch sehr gerne mit anderen Interessierten im Web.

Der Künstler ist unter beiden folgenden Namensvarianten bekannt, und beide sind gebräuchlich:

  • Leon Spilliaert
  • Léon Spilliaert

Weiterführende Links

Werke von Leon Spilliaert in den Königlichen Museen der Schönen Künste
Werke von Leon Spilliaert im Musée d’Orsay (Bitte ans Seitenende scrollen)
YouTube: Les Silences de Leon Spilliae

Infografik: Leon Spilliaert

Leon Spilliaert Infografik: Icon UK. Download the English version of the Leon Spilliaert infographic here

Infografik: Leon Spilliaert.