So sieht es aus, das jüngste Rembrandt-Portrait - „erdacht“ von einem Computer | Foto: thenextrembrandt.pr.co
VG WORT Zählpixel.

Das Projekt The Next Rembrandt hat mich schon vor einiger Zeit in seinen Bann gezogen und seitdem nicht mehr losgelassen. 347 Jahre nach dem Tod von Rembrandt Van Rijn entsteht ein neues Werk, das seine unverkennbare Handschrift trägt – gemalt von einem Computer.

Dabei geht es nicht nur um Kunst im Allgemeinen und meisterhafte Malerei im Speziellen, sondern auch um ein Thema, das uns in den nächsten Jahren mehr und mehr beschäftigen wird: Künstliche Intelligenz.

Bevor wir in die Details starten, schaue Sie sich am besten dieses kurzweilige Video an. Es fasst Ansatz und Umfang des Projekts in knapp 4 Minuten zusammen.

Video-Trailer zum Projekt | Quelle: The Next Rembrandt

Das Rembrandt-Portrait aus dem Computer – ganz schön kontrovers

Und? Was meinen Sie? Irgendwie zwiespältig – oder? Mich lässt das Video jedenfalls etwas unentschlossen zurück.

Einerseits ist die Erschaffung eines (Rembrandt-)Portraits durch einen Algorithmus für mich revolutionär. Denn wir werden hiermit Zeitzeugen der Geburt der Kunst-Industrie 4.0: Maschinen schaffen kreative Produkte auf Galerie- / Museums-Niveau.

Andererseits stellt dieser revolutionäre Aspekt auch meinen Grund zur Sorge dar: Ist diese Entwicklung erstrebenswert? Wohin geht die Reise?

Müssen wir uns realistischer Weise schon mal darauf einstellen, dass auch im Kunstsektor zahlreiche Jobs wegfallen werden – so wie in allen anderen gesellschaftlichen Bereichen? Wahrscheinlich ist es und wenn die Fokussierung auf kommerzielle Werte weiter fortschreitet (eine Entwicklung, die ich persönlich übrigens nicht begrüße), dann werden in ein paar Jahren auch kreative Tätigkeiten standardmäßig automatisiert und durch Kunstroboter ersetzt werden. „Das ist ökonomisch absolut vernünftig“, wird es dann heißen.

Einige Künstler lassen dann vielleicht nur noch kreieren und ihr Team besteht ausschließlich aus Maschinen. Ein recht bizarres Bild. Doch lassen wir es zunächst noch mal verblassen.

Denn, dass neue Technologien Veränderungen mit sich bringen, der Fortschritt nicht aufgehalten werden kann und der goldene Weg dabei wohl irgendwo in der Mitte liegt, ist nichts Neues.

Und das alles vorausgesetzt, überwiegen die positiven Aspekte des Projekts rundum das artifizielle Rembrandt-Portrait aus meiner Sicht deutlich.

The Next Rembrandt: Bilder-Scanning
Mehrere Hundert Bilder wurden für das Projekt in extrem hoher Auflösung gescannt | Foto: thenextrembrandt.pr.co

100101: Die Kunst der Programmierung

Ich war schon immer begeistert von neuen Technologien und The Next Rembrandt ist eine technologische Meisterleistung. Hier mal einige der spektakulärsten Fakten:

  • Mehr als 300 Rembrandt-Portraits wurden von 3D-Scannern erfasst und mittels Upscaling höher aufgelöst zur weiteren Bearbeitung.
  • Rembrandts Portraits wurden via statistischer Analyse hinsichtlich Geschlecht, Alter und Blickrichtung analysiert.
  • Für die Bestimmung der Gesicht-Proportionen wurde ein spezieller Algorithmus verwendet, der mehr als 60 Punkte in einem Bild erkennen kann.
  • Der Computer bildete aus all diesen Daten eine Art künstlerischen Durchschnitt und errechnete über 500 Stunden lang die finalen Kenndaten für das wahrscheinlichste, nächste Bild dieses Künstlers:
    • Portrait
    • Mann
    • Kaukasier
    • Gesichtsbehaarung
    • 30 – 40 Jahre alt
    • Dunkel gekleidet
    • Schaut nach rechts
    • Trägt Halsreif und Hut
  • Um das The Next Rembrandt-Gemälde schließlich, nach 18-monatiger Arbeit, wirklich zum Leben zu erwecken, erstellte man eine topografische Karte, deren Dynamik mittels 3D-Drucker in 13 Schichten in das resultierende Bild übertragen wurde.
The Next Rembrandt: Höhen-Karte
Um der Plastizität eines Originals möglichst nahe zu kommen wurde eine Höhenkarte erstellt | Foto: thenextrembrandt.pr.co

Das Projekt fackelt damit ein Feuerwerk an Innovationen ab und hievt den Level des Machbaren auf ein neues Niveau. Diese sehr aufwändige Umsetzung erinnert mich stark an das Google Art Project.

Zudem ist nicht nur die technologische Seite beeindruckend, auch die künstlerische Qualität des entstandenen Bildes ist atemberaubend. Meine Meinung.

Sicherlich gehen die Einschätzungen hier auseinander, einige Experten echauffierten sich ja unmittelbar nach Bekanntgabe des Projekt-Ergebnisses gut hörbar. Aber seien wir doch mal ehrlich: Ohne Lupe und intensive Analyse lässt sich am Ergebnis nichts aussetzen. Daher wird es wohl rein optisch von Seiten interessierter bis versierter Laie nichts zu meckern geben. Und soweit ich gehört habe, sind auch die Experten durchaus geteilter Meinung bezüglich der Qualität des Ergebnisses.

Alles in allem glaube ich, dass The Next Rembrandt für die Wahrnehmung von Kunst und das Andenken an den Künstler positiv sein wird. Und wer weiß, vielleicht bewirkt es ja sogar eine Rembrandt-Renaissance.

The Next Rembrandt: Portrait
Das Ergebnis von the Next Rembrandt ist ein atemberaubend schönes Portrait | Foto: thenextrembrandt.pr.co

Einige historische Fakten über Rembrandt van Rijn

Rembrandt van Rijn (vollständiger Name: Rembrandt Harmenszoon van Rijn) erblickte am 15. Juli 1606 in der niederländischen Stadt Leiden das Licht der Welt.

Er ging in die Geschichte ein als bedeutendster niederländischer Barock-Maler, mit einem unnachahmlichen Talent für menschlicher Portraits.

Rembrandt verstand es exzeptionell gut, menschliche Stimmungen in seinen Werken wiederzugeben und dies in einem nahezu kompromisslosen Realismus zu verwirklichen.

Er malte schon sehr früh Portraits, aber sein Wirken beschränkte sich nicht darauf. Der Künstler schuf auch zahlreiche Landschaften, sowie Bilder mit biblischen und mythologischen Themen. Mit zu seinen berühmtesten Gemälden zählen:

  • Die Anatomie des Dr. Tulp (1632, Öl auf Leinwand, 169,5 x 216,5 cm)
  • Die Blendung Simsons (1636, Öl auf Leinwand, 205 x 272 cm)
  • Die Nachtwache (1642, Öl auf Leinwand, 363 x 437 cm)
  • Das Hundertguldenblatt (1647 – 1649, Radierung, 27,8 x 38,8 cm)

Rembrandt starb am 4. Oktober 1669 in Amsterdam, wo bis heute sein Denkmal steht.

Wenn das Ihr Interesse geweckt hat, im Netz finden Sie natürlich weitere Details zu Rembrandt, z.B. auf Wikipedia oder auf rembrandtonline.org.

The Next Rembrandt: Foto-Session
Auch die Presse war von Anfang an sehr interessiert an diesem exzeptionellen Projekt | Foto: thenextrembrandt.pr.co

The Next Rembrandt - zu guter Letzt

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir schwirren noch zig Fragen im Kopf umher, wie zum Beispiel:

  • Werden Künstler in Zukunft durch Computern ersetzt werden?
  • Welchen Wert hätte Kunst in einem Zeitalter von kreativen Maschinen noch? Wie würde sich dieser bemessen lassen?
  • Wie werden Kunst und Kunstschaffung in 100 Jahren aussehen?

Die Kommentarfunktion unter diesem Betrag ist geöffnet. Zeit für eine konstruktive Diskussion. Was halten Sie von The Next Rembrandt? Fluch oder Segen?

Quellen

YouTube: The Next Rembrandt
nextrembrandt.com
thenextrembrandt.pr.co
britannica.com: Rembrandt van Rijn
Arte - Futuremag: Künstliche Intelligenz malt neuen Rembrandt

Wikipedia

Rembrandt van Rijn
Die Blendung Simsons
Die Nachtwache
Die Anatomie des Dr. Tulp
Das Hundertguldenblatt