230 rare Comic-Seiten warten darauf entdeckt zu werden ... | Foto: Norbert Miguletz.
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Für uns ist er schon so selbstverständlich Teil der Gegenwartskultur, dass ihn die wenigsten intellektuell hinterfragen würden. Der Comic.

Comicbücher erfreuen sich nach wie vor großer Beliebtheit bei Jung und Alt, Mangas sowie Anime stellen mitunter das Coolste dar, was wir aus Fernost importieren und eine Marvel-Verfilmung nach der anderen lässt die Kinokassen klingeln.

Doch wie begann diese Kunstform eigentlich und wer waren ihre ersten Vorreiter? Mit der Beantwortung dieser Fragen beschäftigt sich jetzt eine Ausstellung in der Schirn Kunsthalle Frankfurt: „Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde“.

Kleiner Wermutstropfen für mich persönlich: Ich bin zwar zum Bloggerevent eingeladen gewesen, konnte es aber aufgrund anderer Termine leider nicht besuchen.

Na ja, wie dem auch sei, da mir Thema, Ausstellung und Ausstellungsort sehr zusagen, mache ich das Beste draus und berichte aus der Ferne. Also, fangen wir vorne an.

PIONIERE DES COMIC. TRAILER | Quelle: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT - YouTube

Eine kleine Geschichte des Comics

Hören Sie mal kurz in sich. Seit wann gibt es Comics? Was schätzen Sie? Vielleicht rund 80 Jahre? Also entstanden die bunten Bilderfolgen Mitte der 1930er Jahre? Falsch!

Wie wäre es mit gut 100 Jahren? Genau 1916 also erblickte der erste Comic das Licht der Welt und erfreute seine geneigten Leser. Auch falsch!

Denn der kommerzielle Comic feierte seinen ersten großen Siegeszug bereits im Jahr 1897. Demnach existierte also schon vor 119 Jahren ein ernstzunehmender Markt für dieses Medium. Damals erschienen sie zwar zunächst nur innerhalb von Tageszeitungen, hier aber als beeindruckende, farbige Großformate. Sie begeisterten auf Anhieb Leser aller Klassen.

„Die in der Schirn gezeigten 100 Jahre alten Zeitungsseiten verströmen noch heute den energetischen Atem einer Epoche des Aufbruchs, der Zukunftsgläubigkeit, Technikbegeisterung und des kometenhaften Aufstiegs des ersten wirklichen Massenmediums: der Zeitung.“

DR. ALEXANDER BRAUN, KURATOR DER AUSSTELLUNG

Und wiederum die Zeitungen waren es auch, die dem Comic – insbesondere im frühen 20. Jahrhundert – zu enormer Verbreitung verhalfen. Eine einzige Ausgabe einer Tageszeitung konnte damals ein Millionenpublikum erreichen. Als Beilagen wurden Comics so zum ersten Bildmassenmedium der Geschichte.

Bald schon erfreuten sich Comics solch großer Beliebtheit, dass sie über Aufstieg und Fall ganzer Verlagshäuser entscheiden konnten. Die Leser folgten nicht etwa der Zeitung mit den überzeugendsten Leitartikeln und den intellektuellsten Autoren. Nein, sie erwarben die Zeitung mit den besten Comics.

Das nenne ich mal Macht der Unterhaltung. Also eigentlich alles genau wie heute, oder?

Die Pioniere des Comics

Wie so vieles innerhalb der Populärkultur, nahm auch die Erfolgsgeschichte des Comics ihren Anfang in den USA. Daher stammen nahezu alle der sechs im Rahmen der Ausstellung portraitierten Künstler aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

Anhand dieser sechs Zeichner lässt sich exemplarisch die Frühphase des Comics erleben. Jedem wird in der Schirn-Ausstellung ein eigener Raum gewidmet. Die Künstler sind:

Winsor McCay (USA, 1869–1934)

Sein Stil erinnert an die surrealistischen Werke eines Salvador Dalí. McCay gilt als eine Art Übervater des frühen Comics. Erwartungsgemäß war sein zentrales Schaffensthema: Der Traum.

McCay definierte Zeit seines Lebens den Comic neu und überschritt dabei Grenzen. So wandten sich z.B. seine Figuren direkt an ihn, den Autor und führten mit ihm intellektuelle Gespräche.

Gemeinhin wird Winsor McCay auch als Erfinder des Zeichentrickfilms angesehen.

Winsor McCay: Little Nemo in Slumberland.

Lyonel Feininger (USA / Deutschland, 1871–1956)

Lyonel Feininger begann seine Karriere als Karikaturist und Comiczeichner. Im Jahre 1906 erhielt der Deutsch-Amerikaner einen Großauftrag von der „Chicago Tribune“.

Dieser war zwar für das Blatt selbst kein kommerzieller Erfolg, ermöglichte dem damals in Berlin lebenden Künstler aber einen Umzug nach Paris.

In der Stadt an der Seine erhielt er Zutritt zur Kunstwelt und begann mit der Malerei.

Lyonel Feininger: The Kin-der-Kids.

Charles Forbell (USA, 1884–1946)

Forbell war zugleich Grafiker und Illustrator. Aus Sicht der Ausstellungsmacher steht er exemplarisch für Künstler der frühen Comic-Avantgarde.

Er widmete seine Energie nur kurzzeitig den Comics und verließ dieses Feld relativ schnell wieder – wahrscheinlich aufgrund mangelnden Erfolges.

Insbesondere bemerkenswert ist seine Serie „Naughty Pete“, die aus 18 Einzelseiten besteht.

Charles Forbell: Naughty Pete.

Cliff Sterrett (USA, 1883–1964)

Polly and her Pals“. So lautet der Name des Hauptwerkes von Cliff Sterrett, einem der bedeutendsten Stilisten des Comics im 20 Jahrhundert.

Er lebte in einer Künstlerkolonie im US-Bundesstaat Maine, wo er stark eingebunden war und daher fortlaufend neue Einflüsse aufnehmen konnte.

Diese schlug sich auch in seiner Figurendarstellung nieder, die eine Entwicklung von nervös-organisch, über geometrisch abstrakt, bis hin zu modernistisch / psychedelisch nahm.

Cliff Sterrett: Polly and Her Pals.

George Herriman (USA, 1880–1944)

Der Künstler George Herriman nimmt eine Sonderstellung ein, denn er ist der einzige Comic-Artist, der von seinem Verleger eine Anstellung auf Lebenszeit erhielt.

Er genoss damit quasi vollkommene künstlerische Freiheit. Seine Serie „Krazy Kat“ erschien zunächst im Feuilleton und war ein riesiger Erfolg. Unter seinen treuen Lesern war z.B. ein gewisser Pablo Picasso.

„Krazy Kat“ Gilt als Blaupause für alles, was danach in Sachen Kleintier-Slapstick folgte (bis hin zu Mickey Mouse sowie Tom und Jerry).

George Herriman: Krazy Kat.

Frank King (USA, 1883–1969)

King entwickelte die sehr erfolgreiche Serie „Gasoline Alley“. Das Besondere an ihr: Sie war vollständig in Realzeit angelegt und erschien über mehr als drei Jahrzehnte lang – jeden Tag.

Daher konnten die Leser verblüffende Parallelen zu ihrem eigenen Leben erkennen. Frank King griff auch immer wieder gesellschaftliche und politische Entwicklungen in seinen Comics auf.

Kings Werke erschienen oft gleichzeitig in verschiedenen Zeitungen des gesamten Landes.

Frank King: Gasoline Alley.
„Der fruchtbare Konkurrenzkampf des Zeitungsmarktes beförderte gleichermaßen den Erfindungsreichtum der Comic-Zeichner der Anfangsjahre. Die sechs in der Schirn präsentierten Künstler loten jeder für sich die Möglichkeiten der jungen Gattung aus und prägen diese bis heute.“

DR. ALEXANDER BRAUN, KURATOR DER AUSSTELLUNG

DER KATALOG ZUR AUSSTELLUNG

„Pioniere des Comic. Eine andere Avantgarde“


Herausgegeben von Alexander Braun und Max Hollein. Vorwort von Max Hollein, Essays von Alexander Braun, David Currier, Thomas Scheibitz. Dt. Ausgabe, ca. 272 Seiten, ca. 300 Abbildungen, 31 x 24 cm (Hochformat); Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2016.

Katalog auf Amazon.de bestellenKleines Quadrat mit Pfeil nach oben rechts.

Soweit mein Schlaglicht auf die Vorreiter der Comic-Kunst. Natürlich gibt es noch so viel mehr Spannendes über diese interessanten Persönlichkeiten zu erfahren. Wenn Sie sich weiter einlesen möchten, empfehle ich Ihnen den Katalog zur Ausstellung.

Darin erfahren Sie zudem viele weitere Details über die Geschichte des Comics und zur Schirn-Ausstellung selbst. Die wichtigsten Fakten zu letzterer habe ich Ihnen im folgenden Abschnitt zusammengetragen.

Über die Ausstellung

Es ist die erste umfassende Themenausstellung zu den Pionieren des Comics, die noch bis Ende September in der Schirn besucht werden kann.

Insgesamt gibt es rund 230 seltene Comic-Seiten zu bewundern, Darunter rare Originalzeichnungen und solche, die erstmals öffentlich zu sehen sind.

Wenn Sie die Ausstellung besuchen möchten, finden Sie hier die Details:

Ort

  • Schirn Kunsthalle Frankfurt
  • Römerberg
  • 60311 Frankfurt

Dauer

  • Eröffnung: 23. Juni 2016
  • Schließung: 18. September 2016

Eintritt

  • Regulär: 7 €
  • Ermäßigt: 5 €
  • Freier Eintritt für Kinder unter 8 Jahren

Öffentliche Führungen

  • Dienstag: 17 Uhr
  • Mittwoch: 19 Uhr
  • Donnerstag: 20 Uhr
  • Samstag: 15 Uhr
  • Sonntag: 17 Uhr

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Happy Birthday: 30 Jahre Schirn

Übrigens, die Schirn feiert in diesem Jahr ein rundes Jubiläum. Die Kunsthalle in der Metropole Frankfurt wurde am 28. Februar 30 Jahre alt.

Weit über 200 Ausstellungen lockten im Laufe der letzten Jahrzehnte über 8 Millionen Besucher an. Die Schirn legt den Fokus auf Kunst(-Reflexion) der Gegenwart und Moderne. Was ihr, meiner Meinung nach, auch alles in allem sehr gut gelingt.

Insbesondere die fabelhaft integrierten digitalen Konzepte sowie Online-Aktivitäten finde ich dabei sehr erwähnenswert. Was hier geboten und wie es umsetzt wird ist sicherlich als vorbildlich innerhalb der Kunst- und Kulturszene zu bezeichnen.

Also auch noch einmal von mir an dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch liebe Schirn. Bleib wie du bist und mach bitte weiter so.

Weiterführende Links

Pioniere des Comic. Eine Andere Avantgarde
Wikipedia: Winsor McCay
Wikipedia: Lyonel Feininger
Wikipedia: Charles Forbell
Wikipedia: Cliff Sterrett
Wikipedia: George Herriman
Wikipedia: Frank King

Quellenangabe

30 Jahre Schirn
Katalog zur AusstellungKleines Quadrat mit Pfeil nach oben rechts.
Offizielle Presseinformation zur Ausstellung
Schirn Newsroom