Der Autor vor einem von Wolfgang Beltracchis beeindruckenden Gemälden | Foto: Moitao
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[UPDATE vom 9.12.2018: Aufgrund sehr guter Resonanz und großen Zuspruchs der Besucher, wird die Ausstellung bis zum 13. Januar 2019 verlängert. Zudem wird es noch mindestens ein weiteres Highlight geben: Am 12. Januar um 15:00 Uhr spricht der Nietzsche-Experte Ulrich Sieg unter der Headline „Große Erwartungen – Nietzsche, die Frauen und die Kunst“.]

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Ende Oktober erreichte mich eine E-Mail von ZOTT Artspace: „Ausstellung mit Wolfgang Beltracchi kommt von Venedig nach Hamburg“. Das ist sehr interessant, dachte ich mir. Denn mit der Vita von Wolfgang Beltracchi hatte ich mich ja bereits früher intensiv auseinandergesetzt (zu lesen in diesem und diesem Blog-Artikel) und wenn er neue Projekte vorstellt, ist das eigentlich immer sehenswert.

Die aktuelle Ausstellung in Hamburg trägt den Namen „KAIROS. Der richtige Moment“ und findet vom 20. November bis zum 19. Dezember 2018 in der „Barlach Halle K“ (zwischen Hauptbahnhof und Deichtorhallen) statt. Ich war sowohl zur Pressekonferenz als auch zur Vernissage am 18. November eingeladen. Bei Letzterer in Begleitung von Moitao. Beides bot mir ausreichend Gelegenheit, einen umfassenden Eindruck von Werken und Inszenierung zu erhalten.

Doch fangen wir ganz Vorne an. Was heißt eigentlich Kairos? Sie wissen es? Nun, ich wusste es nicht. Und so zückte ich an jenem kalten Freitagmorgen auf meinem Weg zur Pressekonferenz erst mal mein Smartphone, sobald ich auf einem der roten U-Bahn-Sitze platzgenommen hatte. Drehen. Entsperren. Zweimal wischen. Tippen. Warten. Lesen.

Aha, interessant: Der Begriff Kairos stammt aus einem religiös-philosophischen Kontext und bezeichnet den perfekten Zeitpunkt einer Entscheidung. Innerhalb der griechischen Mythologie wurde dies in der Person der gleichnamigen Gottheit dargestellt. Doch was hat das mit Wolfgang Beltracchi, Mauro Fiorese – die Fotos aus der preisgekrönten Serie „Treasure Rooms“, des international renommierten Fotografen, sind postum ebenfalls Bestandteil der Ausstellung – den gezeigten Bildern und mir zu tun?

Eine ganze Menge. Das verriet mir wenig später Christian Zott, Kunstförderer und Initiator der Ausstellung, nachdem ich auf der Pressekonferenz eingetroffen war. „KAIROS. Der richtige Moment“ gibt den Besuchern die Möglichkeit, die europäische Kunstgeschichte mit anderen Augen zu sehen. Denn diese besteht aus zahlreichen Entscheidungen, die darüber bestimmten, was für die Nachwelt festgehalten wurde und was nicht.

Christian Zott im Gespräch mit Wolfgang Beltracchi
Christian Zott im Gespräch mit Wolfgang Beltracchi | Foto: H. J. Ellerbrock

Die Bilder in der „Barlach Halle K“ nehmen ihre Betrachter mit auf eine alternative Reise durch die Geschichte der abendländischen Kunst und rücken das Ungesehen in den Mittelpunkt. Die Bilder von Fotograf Mauro Fiorese konzentrieren sich dabei auf vergessene Werke und die Gemälde von Wolfgang Beltracchi auf solche, die nie zuvor gemalt worden sind.

Zott möchte mit seinem Projekt die Lücken zeigen. Eben jene Werke, die nie gesehen oder gemalt wurden, sollen in einer zeitgenössischen Inszenierung ihren Kairos erleben. Die Idee dazu kam ihm beim Wandern durch Europa.

Dabei festigte sich bei ihm auch eine verblüffende Erkenntnis, die wiederum bei mir für einen Aha-Effekt gesorgt hat: Einige Momente können überhaupt erst aus heutiger Perspektive eine Kairos-Augenblick darstellen. Warum? Weil sie ein Wissen um Ereignisse voraussetzen, das die Menschen der damaligen Zeit aufgrund ihrer frühen Geburt noch nicht besitzen konnten. Ein gutes Beispiel hierfür ist das Gemälde „HMS Beagle Leaving Devonport in 1831“ in der Handschrift von William Turner. Dass dieser Moment in die Geschichte eingehen würde konnte man damals noch nicht antizipieren. Zugespitzt lässt sich also sagen, dass „KAIROS. Der richtige Moment“ nichts weniger als den Versuch wagt, das (kulturhistorisch) Unsichtbare sichtbar zu machen.

Die Ausstellung nimmt sich also viel vor, ohne sich – und so viel möchte ich gleich vorweg verraten – zu verheben. Wolfgang Beltracchi malte dafür insgesamt 28 Gemälde in 27 unterschiedlichen Handschriften großer Meister der europäischen Malerei. Die Bilder des Ausnahmekünstlers decken damit einen Zeitraum von ungefähr 2.000 Jahren ab. Es stimmt nach wie vor: Beltracchi ist Viele.

Entstanden sind sehr gute bis atemberaubend schöne Bilder. Hier ist meine TOP 5:

5. Charon | Handschrift: Gustav Klimt

Gustav Klimt hat Zeit seines Lebens ein Selbstporträt abgelehnt. Nach seinem Tod verblieben einige nicht vollendete Werke in seinem Atelier. Wolfgang Beltracchi fügt diesen sein Klimt-Selbstporträt hinzu. Dabei hält er Rückschau für Klimt und dessen Kunstbegriff: Die unvollendete „Braut“ spiegelt sich hinter dem Künstler und geht eine Symbiose mit dem Fährmann Charon ein.

Gemälde: Charon von Wolfgang Beltracchi

Wolfgang Beltracchi, 2018
Charon
Handschrift: Gustav Klimpt, 1918, Wien
Öl auf Leinwand, 100,5 x 90,5 cm

4. Der grausame Komet | Handschrift: Hendrick Avercamp

Mit Eintreten der ersten Kälteperiode der kleinen Eiszeit, zwischen 1570 und 1630, hatten Winterlandschaften in den Niederlanden Hochkonjunktur. Obwohl die extrem niedrigen Temperaturen mit viel Leid einhergingen, konzentrierte sich Hendrick Avercamp größtenteils auf die heiteren Aspekte der langen Winter. Der abgebildete Komet C/1618 W1 verweist auf die Not der Menschen und evoziert Gedanken an den Dreißigjährigen Krieg.

Gemälde: Der grausame Komet von Wolfgang Beltracchi

Wolfgang Beltracchi, 2018
Der grausame Komet
Handschrift: Hendrick Avercamp, 1618, Kampen
Öl auf Holz, 27 x 22 cm

3. Boulevard des Capucines 15 avril 1874 | Handschrift: Claude Monet

Monet war bekannt mit dem Multitalent und Fotografen Félix Tournachon. Während eines Besuches in dessen Atelier malte er den Boulevard des Capucines. Das Besondere am Bild von Wolfgang Beltracchi ist, dass er darin die Perspektive herumdreht. Man blickt auf das berühmte Atelier. Dies verdeutlicht eine Sichtweise auf den Impressionismus: Er kann als Auseinandersetzung mit der Fotografie verstanden werden.

Gemälde: Boulevard des Capucines 15 avril 1874

Wolfgang Beltracchi, 2018
Boulevard des Capucines 15 avril 1874
Handschrift: Claude Monet, 1874, Paris
Öl auf Leinwand, 119 x 88,5 cm

2. HMS Beagle Leaving Devenport in 1831 | Handschrift: William Turner

Anfang bis Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts umsegelte das Forschungsschiff „HMS Beagle“ den Globus um kartografische Messungen durchzuführen. Mit an Bord: Kein Geringerer als Charles Darwin. Der mit den Erkenntnissen und Daten, die er auf dieser Reise gewinnt, später seine Evolutionstheorie begründen wird. Theoretisch hätten sich Darwin und Turner in Devonport treffen und dieses Gemälde entstehen können. Das geschah aber nicht und so komponiert Beltracchi diesen historischen Moment in der Malweise Turners.

Gemälde: HMS Beagle Leaving Devenport in 1831

Wolfgang Beltracchi, 2018
HMS Beagle Leaving Devonport in 1831
Handschrift: William Turner, ca. 1840, London
Öl auf Leinwand, 78 x 115,5 cm

1. Gruppenbild Blauer Reiter | Handschrift: Heinrich Campendonk

Das Format dieses Bildes ist angelehnt an Kadinskys „Komposition V“ und zeigt ein Gruppenporträt der wichtigsten Mitglieder des Blauen Reiters, die vor dem Münter-Haus versammelt sind. Herinrich Campendonks Wirken wurde von der Künstlergruppe zweifelsohne stark beeinflusst. Sie suchte nach progressiven Ausdrucksmöglichkeiten. Das Innere des Künstlers begann, sich im Sujet und dessen Darstellung widerzuspiegeln.

Gemälde: Gruppenbild Blauer Reiter von Wolfgang Beltracchi

Wolfgang Beltracchi, 2017
Gruppenbild Blauer Reiter
Handschrift: Heinrich Campendonk, 1914, Murnau
Öl auf Leinwand, 190 x 275 cm

Das waren, für mich persönlich, die fünf künstlerischen Höhepunkte der Ausstellung. Ein weiteres Highlight, das einem den Zugang zu allen gezeigten Werken erleichtert und modern präsentiert, ist die App KAIROS Exhibition. Sie führt den User multimedial durch das Projekt und liefert vertiefende Informationen zu jedem Bild, die dynamisch per Bilderkennung abgerufen werden können.

Die App für Smartphones und Tablets kann sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ausstellung genutzt werden und bietet sogar VR-Effekte (3-D-Brillen werden unterstützt). Das folgende Video vermittelt einen guten Eindruck:

So, damit sind wir am Ende meines Artikels angekommen. Ich hoffe, er hat Sie etwas neugierig gemacht und in Ihnen den Wunsch geweckt, sich selbst einen Eindruck von der Ausstellung zu verschaffen. Wenn ja, können Sie diese noch bis einschließlich 19. Dezember 2018 in Hamburg besuchen:

„KAIROS. Der richtige Moment“

  • Barlach Halle K, Klosterwall 13, 20095 Hamburg
  • Di. bis So. 11 – 19 Uhr, montags geschlossen
  • Eintritt: 6 Euro
  • Weitere Informationen finden Sie hier: www.kairos-exhibition.art

DIE NACHT DES KAIROS:

  • Kunstführungen und Musik von Schülern des Wilhelm-Gymnasiums
  • 7. Dezember 2018
  • 19 – 23 Uhr
  • Eintritt: Pay what you want

Vor Hamburg gastierte „KAIROS. Der Richtige Moment“ in Venedig. Dort besuchten rund 27.000 Menschen die Ausstellung. Ich drücke die Daumen, dass Hamburg hieran anschließen und zahlreiche Kunstinteressierte Besucher anziehen wird.

Lassen Sie sich diese Chance nicht entgehen. Als nächstes wird die Wanderausstellung unter der Leitung von Christian Zott wahrscheinlich auch Station in New York machen. Das könnte möglicherweise etwas zu weit sein für einen Wochenendausflug.