Buchrezension #2 - Part 1: „Selbstporträt“ von Helene & Wolfgang Beltracchi

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5 Sterne (1 Stimmen)

Helene und Wolfgang Beltracchi: Buchcover von „Selbstporträt“.

Wortgewaltiges Werk: „Selbstporträt“ von Helene und Wolfgang Beltracchi | Buch-Gestaltung: Christine Lohmann, Wolfgang Beltracchi | Verlag: Rowohlt | Bild: MoitaoVG WORT Zählpixel.

Ich mag „Schlag den Raab“. Daher schaue ich auch ab und zu „TV total“ und hier insbesondere sehr gerne den Talk-Show-Teil in dem Stefan Raab Gäste interviewt. Das Künstlerpaar Helene und Wolfgang Beltracchi (gesprochen: Belltraakie) war dort am 16.3.2015 zu Gast. In diesem Zusammenhang habe ich zum ersten Mal von den beiden und ihren aufregenden Geschichten erfahren.

Falls ihnen der Name noch nichts sagt, Wolfgang Beltracchi ist der vielleicht berühmteste Kunstfälscher Deutschlands. Möglicherweise fragen sie sich jetzt: Kunstfälscher? Wieso sollte man über einen Kriminellen ausführlich berichten?

Dazu eines vorweg: Über den Künstler Beltracchi wurde natürlich schon unheimlich viel publiziert, kolportiert und diskutiert. Die Meinungen der Menschen über ihn gehen dabei, vollkommen nachvollziehbar, weit auseinander.

Meine Auffassung ist: Wolfgang Beltracchi hat in seiner Vergangenheit als Kunstfälscher kriminelle Taten begangen. Daran gibt es auch nichts zu beschönigen. Aber, er fuhr dafür 6 Jahre ins Gefängnis ein – seine Frau 4 Jahre – und hat seine Schuld somit abgesessen. Mein Gerechtigkeitsempfinden sagt mir: Das Thema Schuld & Sühne gehört daher in die Vergangenheit und abgehakt. Was bleibt, ist ein extrem begabter Künstler und ein faszinierendes Künstlerpaar.

Noch mal kurz zurück zu „TV total“. Damals saß ich mit offenem Mund vor der Mattscheibe. Was die beiden zusammen erlebt haben, wie aufwändig ihre Betrugsaktionen waren, aber auch wie talentiert Wolfgang Beltracchi gleichzeitig ist und wie nonchalant sie die Bigotterie innerhalb der arrivierten Kunstszene sichtbar gemacht haben, all das muss man mal gehört, gesehen, gelesen haben.

Und das kann man z.B. in ihrem Buch „Selbstporträt“. Einem über 600 Seiten starken Werk, das ich ihnen im Folgenden sehr gerne vorstelle.

Künstlerporträt von Wolfgang Beltracchi.

Wolfgang Beltracchi erblickte am 4. Februar 1951 im ostwestfälischen Städtchen Höxter das Licht der Welt. Den Familiennamen Beltracchi übernahm er allerdings erst viele Jahre später von seiner Frau Helene Beltracchi. Sein Geburtsname lautete Wolfgang Fischer.

Vater Wilhelm Fischer war Kirchenmaler. Dadurch kam er sehr früh in Kontakt mit der Malerei und war bereits in jungen Jahren ein außergewöhnlich guter Maler. Wie er selbst sagt, wurde er stark geprägt von der Maltechnik der „Altmeister“.

Nach Jahrzehnten des Betruges mit gefälschten Provenienzen wurden Wolfgang Beltracchi und seine Frau 2011 zu 6 bzw. 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Heute konzentrieren sich die beiden auf ihre eigene Kunst unter eigenem Namen und gewinnen zunehmend an Popularität.

Worum es geht

In „Selbstporträt“ erfährt der geneigte Leser die Geschichte von Wolfgang Beltracchi. Detailreich erzählt wird sie in insgesamt 7 Teilen und 57 Kapiteln vom Maler selbst und dessen Frau Helene. Das Buch ist in der ersten Person geschrieben und es enthält zahlreiche interessante Abbildungen.

Was erzählt wird

Erster Teil: Kindheit

Im ersten Teil des Buches nimmt uns Wolfgang Beltracchi mit auf eine Reise in seine Kindheit und frühe bis mittlere Jugendzeit. Auf gut 40 Seiten erfahren wir, wie er aufwächst, welche Sorgen und Probleme er zu dieser Zeit hat, was er sich wünscht und vieles mehr. Kurzum, dieser Abschnitt bringt uns vor allem seine Herkunft, seine Sozialisierung und seine charakterliche Disposition näher.

In diesem Rahmen lernen wir natürlich auch seine Familie kennen. Darunter, aus dem engsten Kreis: Der gutaussehende, oftmals absente und distanzierte Vater, von Beruf Kirchenmaler. Beltracchis humorvolle, intelligente und aufgeschlossene Mutter Franziska. Sowie seine vier Geschwister: Wilhelm, Helga, Friedrich und Ursula. Wichtigste Orte in diesem Lebensabschnitt sind Altenbergen (bei Paderborn), Geilenkirchen (nördlich von Aachen) und alle Stationen auf seiner Befreiungsreise gen Süden, bis nach Barcelona.

Wolfgang Beltracchi am Strand.

Wolfgang Beltracchi am Strand | Foto: Helene Beltracchi

Zweiter Teil: Wanderjahre

Jetzt geht es auf große Reise. Teil 2 des Buches berichtet über die Wanderjahre von Wolfgang Beltracchi. Dabei verschlägt es ihn unter anderem nach Amsterdam, Theux, Verviers, Liège, Spa, Lüttich, Brüssel, Antwerpen, Patras, Korfu, Wuppertal, Paris, Münster und Eupen.

Aber zunächst lesen wir, warum er von der Schule fliegt, wie sein unkonventioneller Start bei den Werkkunstschulen in Aachen verläuft und welche Freunde den nun jugendlichen Künstler prägen. Dabei geht es natürlich auch immer wieder um Frauen und explizite zwischenmenschliche Erfahrungen.

Zu dieser Zeit beginnt Beltracchi mit dem regelmäßigen Malen von Auftragswerken. Ein Schlüsselpunkt in seiner Vita. Denn hier entdeckt er seine Leidenschaft für das Leben früherer Maler und den historischen Kontext in dem sie lebten. Eine Leidenschaft, die ihn von da an nie wieder loslassen wird.

Prägende Begegnungen ergeben sich auch auf anderer Ebene. Im realen Leben trifft er im Alter von 17 Jahren Joseph Beuys. Diesen findet er zwar durchaus beeindruckend, sieht aber keinen Sinn darin, ihm als Schüler zu folgen.

Weniger real, aber nicht weniger intensiv sind Wolfgang Beltracchis Begegnungen mit kleinen Dinos, Emus und einem schwarzen Königspudel. Allessamt Erscheinungen innerhalb seiner Drogentrips, die er teilweise über Jahre hinweg nicht mehr loswerden wird.

Auch bereits in jungen Jahren lernt Beltracchi den Handel mit Kunst bestens kennen. Zusammen mit seinem Schwager André betreibt er einen An- und Verkauf, spürt lukrative Bilder bei Haushaltsauflösungen auf und schafft Werke über die belgisch-deutsche Grenze.

Derain-Gemälde von Wolfgang Beltracchi.

Derain-Gemälde: Matisse poignant à Collioure | Bild: Wolfgang Beltracchi

Dabei fällt dem jungen Maler schnell auf, dass die meisten Kunsthändler ein Original nicht von einer Fälschung unterscheiden können. Nicht mal mit viel Zeit und Mühe. Wohingegen er selbst nur ein bis zwei Blicke dafür benötigt.

Aufschlussreich ist für Beltracchi auch die Zeit in Paris. Hier lernt er den Auktionshandel in- und auswendig kennen. Zudem kann er besser und besser Originale von Fälschungen unterscheiden. Später wird er diese Zeit als Lehrjahre bezeichnen.

In der Stadt der Liebe beginnt er auch mit dem Fälschen von Bildern. Zunächst sehr pragmatisch: Hier und da ergänzt er ein paar Figuren in Gemälden und schon verkaufen sie sich zum dreifachen Preis. Bald darauf malt er komplette Bilder selbst und verkauft diese Fälschungen gemeinsam mit seinem Schwager.

Zeitsprung. Szenenwechsel. Nach einem kurzen Flirt mit dem Establishment – Beltracchi arbeitet zeitweilig mit einem Immobilienhändler im Kunsthandel zusammen – fährt er spontan mit seiner damaligen Freundin und deren Tochter nach Marokko.

Nach langer Pause malt er hier wieder Aquarelle und fertigt in nordafrikanischer Abgeschiedenheit Zeichnungen an. Dabei gehen dem begnadeten Maler zwar nie die Ideen aus, aber unverhofft jäh die finanziellen Mittel. Was dann passiert und wie Beltracchi aus diesem Schlamassel wieder heraus kommt möchte ich an dieser Stelle offen lassen. Nur so viel: das gesamte Kapitel Marokko ist wirklich extrem bizarr und enorm unterhaltsam.

Nächster Zeitsprung. Im Alter von 34 Jahren kommt es zu einem Wendepunkt im Leben von Wolfgang Beltracchi. Auf einer aus den Fugen geratenen Party bringt ihn ein Schlüsselerlebnis zum Umdenken: „EGAL. Schluss jetzt, sagte ich mir. Seit jener Nacht bin ich clean. […] Jetzt wird gemalt, den Entschluss, den ich damals fasste, habe ich nie bereut.“ Das war 1985.

Wolfgang Beltracchi: Word Cloud aus YouTube-Kommentaren.

Word Cloud aus YouTube-Kommentaren über Wolfgang Beltracchi | Bild: Fabian Kockartz | Tool: jasondavies.com

„Selbstporträt“ von Helene und Wolfgang Beltracchi: Daten im Überblick

Titel: Selbstporträt
Umfang: 607 Seiten
ISBN: 978-3-4980-6063-3
Erscheinungsjahr: 2. Auflage - Januar 2014
Verlag: Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg
Autoren: Helene und Wolfgang Beltracchi | www.beltracchi-art.com

Zu Part 2 dieser Buchbesprechung

Weiterführende Links

Quellenangabe

Kommentare
Bild des Benutzers Merida Mamoru
Rezension zum Buch von Wolfgang Beltracchi
Schönen guten Abend Fabian, Oh, ein Buch mit 607 Seiten, muss ja ein ganz schöner Schinken sein! Wie lange hast Du gebraucht, den durchzulesen? Der Künstler Wolfgang Beltracchi scheint jedenfalls ein bewegtes Leben gehabt zu haben, einige Ausschnitte aus dem Buch lesen sich fast wie ein Roman. Ja, man unterschätzt oft Biografien, denkt man diese seien staubtrocken, doch man findet auch oft einige echte literarische Perlen darunter, wie man hier mal wieder eindrucksvoll feststellt. Werde mal in der Bildersuche nach weiteren Werken von Wolfgang Beltracchi Ausschau halten, er scheint wirklich ein großes Talent zu sein. Das ist ja auch mal ein kreatives Tool, das eine Word Cloud aus YouTube-Kommentaren erstellen kann. Gibt es das etwa kostenlos? Lg. Merida
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Bild des Benutzers Fabian Kockartz
Wolfgang Beltracchi: Über die Rezension
Hallo Merida, schön, dass du mal wieder vorbeischaust. Freut mich. Und danke für deinen Kommentar. Zu deinen Fragen: Für diesen Blogartikel, also Part 1 meiner Rezension, habe ich ca. 12 Stunden gelesen. Die reine Lesezeit wäre natürlich eigentlich weniger, aber da ich mir beim Lesen viele Gedanken und Notizen machen muss, dauert es etwas länger. Part 2 entsteht gerade. Frage mich also noch mal nach Part 2 wie lang ich insgesamt gebraucht habe :) | Ja, ich denke nicht nur die Biografie ist weit unterschätzt worden, sondern auch der Künstler Wolfgang Beltracchi selbst. Gute Idee, dass du online mal nach weiteren Werken suchst. Du wirst dabei auch noch auf viele andere spannende Fakten stoßen. Ich plane bereits einen weiteren Artikel nach der Rezension über Wolfgang Beltracchi – es gibt noch vieles Interessantes zu diskutieren. Das Tool zur Erstellung der Word Cloud ist frei verfügbar. Du findest es hier: https://www.jasondavies.com/wordcloud | Es erstellt allerdings nicht automatisch eine Cloud aus YouTube-Kommentaren. Dazwischen lag noch meine manuelle Arbeit. Aber das Ergebnis finde ich sehr aufschlussreich. Immerhin liegen diesem weit über 300 User-Meinungen zugrunde.
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Fabian Kockartz: Autor kunst-in-bildern Blog.Mein Name ist Fabian Kockartz. Ich bin begeisterter Onliner und Autor des Kunst-in-Bildern Blogs.

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